Radiozukunft: Von der Pralinenmischung zur Qualitätspraline

“New Radio” lautete der Titel eines Panels bei den diesjährigen Lokalrundfunktagen in Nürnberg, bei dem wir unser kleines Projekt soundticker vorstellen durften. Dabei haben sich einige Fragestellungen zur Zukunft des Radios ergeben, die meiner Ansicht nach noch viel zu wenig diskutiert werden. Deshalb würde ich sie gerne in Form von fünf Thesen zur Debatte stellen.

 

1. Auch künftig werden die Menschen lineares Radio hören.

 

Bei der Diskussion um Digitalisierung beim Radio kommt die Frage, welches Audio-Angebot die Hörer in 20 oder 30 Jahren nutzen, viel zu kurz. Dass sie auch künftig irgendeine Form von linearem Radio nutzen werden, ist offensichtlich. Auch in 20 oder 30 Jahren werden die Menschen Tätigkeiten ausüben, bei denen man nicht gleichzeitig auf einen Monitor oder auch nur das Display einer Datenbrille schauen kann. Und die Hörer werden auch in Zukunft nicht alle paar Minuten aktiv das Programm bestimmen wollen. Die Hörfunksender sollten sich deshalb stärker auf die Weiterentwicklung ihres Kernprodukts konzentrieren: Ein lineares Radioprogramm, das den Bedürfnissen künftiger Hörer gerecht wird.


 

2. Audio-Angebote werden immer stärker personalisiert sein.

 

Das Bedürfnis nach Personalisierung und On-Demand-Angeboten wird auch im Hörfunk steigen. Die nächste Generation wird daran gewöhnt sein, jegliche Form von Inhalten immer und überall auswählen zu können. Musikstreamingdienste wie Spotify und Apple Music machen bereits vor, wie solche Angebote im Musikbereich funktionieren können. Im Audio-Wortbereich gibt es bisher allerdings nur wenige Versuche, wie etwa das Projekt Radio.likemee der Hörfunkholding REGIOCAST. Es steht zu befürchten, dass die Innovationen auch hier eher von Internet-Unternehmen kommen als von Radiosendern. Spotify experimentiert bereits mit diversen Contentanbietern.

 

3. Die Zukunft des Radios liegt im mobilen Internet.

 

“UKW ist tot, tot, tot”, hat Michael Praetorius schon vor vier Jahren verkündet. Tatsächlich hat sich UKW als erstaunlich langlebig erwiesen. Irgendwann aber wird der veralteten Analogtechnik unserer Großväter dann doch der Saft ausgehen. So wie es derzeit aussieht, wird die jahrelang erfolglos propagierte DAB+-Technik dann einfach übersprungen. Mit zunehmenden Bandbreiten werden die User auch bei Audio-Angeboten direkt ins – mobile – Internet wandern. Die Endgeräte dafür sind inzwischen omnipräsent. Nur der passende Content fehlt. Online-Audioangebote traditioneller Radiosender beschränken sich überwiegend auf das streamen des Hauptprogramms (Simulcast). Spezielle Audio-Angebote, die die Rückkanalmöglichkeiten des Netzes aufgreifen, gibt es kaum.

 

4. Radiosender sollten sich nicht im Kampf um Klickzahlen verzetteln.

 

Im Mittelpunkt der Digitalisierungsstrategien der Hörfunksender stehen derzeit Social Media und Crossmedia. Radioanbieter optimieren ihre Facebook-Auftritte und schulen Radio- zu Videoreportern um, um im Internet möglichst große Reichweiten zu erzielen. Das Buhlen um Klickzahlen und User soll vor allem die Marke stärken. Ein tragfähiges Geschäftsmodell ist es allerdings nicht. Außerdem driften die Hörfunk-Anbieter mit oft großem finanziellen Aufwand immer weiter auf das riesige Spielfeld, auf dem sich derzeit alle Medienunternehmen tummeln. Ein Spiel, das sie als regional lizenzierte Unternehmen gegen Klickmaschinen wie Buzzfeed oder internationale Konzerne wie Apple und Google kaum gewinnen können, das ihnen aber viele Ressourcen raubt.

 

5. Radiosender müssen sich zu Audio-Contentanbietern wandeln.

 

Stattdessen sollten sich die Sender auf ihre Kernkompetenz konzentrieren: Das Erstellen von Audio-Inhalten. Bisher verkauften sie neben Inhalten wie Nachrichten, Comedy und Moderation auch die Mischung mit. Ein Radioprogramm war eine bunte Pralinenschachtel. Die Marke garantierte für die Qualität der Pralinen und deren Zusammenstellung. Mit zunehmender Personalisierung werden die Hörer sich die Schachtel selbst mischen. Die Pralinen aber – um im Bild zu bleiben – werden sie gerne von professionellen Herstellern nehmen. Denn anders als im Text- oder Videobereich, wo die Toleranz gegenüber amateurhaftem Material aus Blogs und Handyvideos überraschend groß ist, werden unprofessionelle Audio-Inhalte kaum konsumiert. Das ist die große Chance der Radiosender!

 

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